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Interview

Die ukrainischen Komponisten Roman Grygoriv und Illia Razumeiko im Gespräch mit künstlerischem Leiter der Musiktheatertage Wien Georg Steker über ihre Oper CHORNOBLYDORF und über Kunst und Schicksale in Zeiten des Krieges.

Wie hat euch die bereits laufende politische Konfrontation mit Russland beeinflusst, als ihr im Jahr 2020 die Produktion CHORNOBYLDORF entwickelt habt?

Als wir mit dieser Arbeit begannen, ging es auch um die Geschichte des Endes der sowjetischen Besetzung der Ukraine (1986). In unserer historischen Wahrnehmung sehen wir auch die Chornobyl-Katastrophe als eines der “ökologischen Verbrechen”, die das sowjetisch/russische Regime auf besetzten Gebieten begangen hat. Ein weiteres, vergleichbar mit Chornobyl, ist die Schrumpfung des Aralsees zwischen Kasachstan und Usbekistan.

Habt ihr einen Krieg wie jetzt jemals für möglich gehalten und hatte die politische Situation im Jahr 2020 Auswirkungen auf eure Recherche-Arbeit, die euch unter anderem auch in verlassene Arbeiter-Städte der Ukraine geführt hat?

Niemand von uns, als Menschen und als Künstler, konnte glauben, dass ein so brutaler Krieg ausbrechen wird. Mehr noch, ich denke, wir waren alle in einer “romantischen Apokalypse” der Pandemiezeit, mit leeren Straßen, Theatern und Museen, die alle Künstler_innen hier auch irgendwie ästhetisierten. Jetzt ist eine andere Apokalypse zurück – in Form eines Krieges wie der Zweite Weltkrieg einer war: mit der Vernichtung ganzer Städte, Konzentrationslagern und unzähligen Kriegsverbrechen. Das ist immer noch schwer zu glauben und zu akzeptieren.

Wie ist die aktuelle Realität als Künstler_in in der Ukraine. Seid ihr in der Lage, künstlerisch zu arbeiten, Projekte zu entwickeln? Wie steht es um die Finanzierung? Gibt es Publikumsinteresse an zeitgenössischen Theater/Musik-Produktionen?

Die Situation der lokalen Szene der Ukraine ist wirklich sehr hart. Dutzende von großen und kleinen Theatern in Mariupol, Severodonetsk, Lysychansk, Rubizhne, Lozova sind zerstört. Sehr talentierte Regisseure und viele Künstler und Musiker wurden freiwillig Soldaten, wie zum Beispiel Dmytro Kostumynskyi oder Maxym Bulgakov. Große Staatstheater können immer noch mit begrenzten Budgets arbeiten, aber alle Mittel für unabhängige Produktionen sind auf Null gekürzt. Wir sind von kleinen “Notfall- Förderungen” aus EU-Programmen abhängig, die jetzt sehr hilfreich sind. Aber trotz der Situation, die wir alle verstehen, kann es nicht die Lösung für das ganze Land sein ins Exil zu gehen. In Kyjiw planen wir in dieser Saison noch eine Opernproduktion – “GENESIS, Oper der Erinnerung” für ein leeres Museum, in dem alle Kunstwerke in Notunterkünfte evakuiert wurden – was nur durch die enthusiastische Arbeit unseres künstlerischen Teams möglich ist. Es gibt weiterhin ein großes Bedürfnis des Publikums hier, eine Verbindung zur Kunst zu haben, als Hoffnung und Licht in Zeiten des Krieges.

Chornobyldorf
Chornobyldorf (C) Valeriia Landar

Wie hat der anhaltende Krieg eure Motivation und euer “Bedürfnis” als Künstler_innen verändert, CHORNOBYLDORF zu zeigen?

In den ersten Monaten seit Ausbruch des Krieges im Februar 2022 war es vor allem psychologisch schwierig, an eine Art “hohe Kunst” zu denken. Und es war körperlich schwierig zu singen, zu tanzen, sich zu bewegen, Theater zu machen, was für uns Künstler_innen ohnehin eine Art “dionysisches Fest” ist. Aber im dritten Kriegsmonat haben wir auch erkannt, dass es unsere Pflicht als Künstler_ innen ist, die künstlerische Arbeit fortzusetzen und über die Geschichte und Zukunft der Ukraine auch in Form von Musiktheater zu sprechen.

Wie reagiert das Publikum in Europa auf die Produktion CHORNOBLYDORF, ein so emotionales und archaisches Musiktheaterstück?

Vor Wien jetzt im September 2022 haben wir das Stück nur einmal in Rotterdam gespielt. Ich denke, dass das Festivalpublikum wirklich tief mit der Aufführung verbunden war und einen klaren Zusammenhang zwischen vergangenen und aktuellen Tragödien findet, was auch Thema des Publikumsgespräches danach war.

Gibt es eine seltsame Art von “Neugier” in Europa oder zumindest außerhalb der Ukraine, ukrainische Künstler_innen einzuladen, die direkt aus einem Kriegsgebiet kommen?

Eigentlich ist es für uns wichtig, dass Festivals uns vor allem wegen der Qualität unserer künstlerischen Arbeit einladen. Schon vor dem jetzigen Krieg haben wir als Company aus Osteuropa oft eine Art Diskriminierung erfahren, was die Wahrnehmung, Bezahlung und dergleichen in der sogenannten “westlichen Welt” betrifft. Wir freuen und, ein “neugieriges” Publikum zu treffen, aber wir hoffen natürlich, dass die Menschen von unserer künstlerischen Sprache und unseren Stücken begeistert sein werden, nicht nur aufgrund unserer ukrainischen Pässe und unseres “Künstler_innen- aus-einem-Kriegsgebiet”-Status.

Wie geht es euch während der Vorstellung: Regiert die Professionalität oder gibt es einen besonderen Geist oder Teamgeist, der mit der politischen Realität und dem “nationalen Momentum” zusammenhängt?

Nun wirklich, wenn du auf die Bühne gehst, ist das Wichtigste, den Krieg in deinem Kopf “auszuschalten”; einfach in der Stimmung sein, Kunst zu machen und sich darauf zu konzentrieren, und zumindest ein bis zwei Tage vor dem Auftritt keine Nachrichten zu lesen. Natürlich müssen wir Professionalität und Bühnenarbeit, da es sich bei CHORNOBYLDORF um eine relativ komplexe Multimedia-Oper handelt, mit dem Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb unseres Künstlerkollektivs mischen, das auf der Bühne jetzt noch mehr gebraucht wird als in “friedlichen” Zeiten.

"Gerade jetzt ist Kunst für uns ein Weg, wie wir mit der Welt über die Ukraine und über die anhaltende Tragödie dort sprechen können. Alle 'allgemeinen' künstlerischen Dinge, wie Selbstinszenierung oder Selbstbeobachtung – nennen wir es 'Bühnenegoismen' – verschwinden."

Was hat sich in eurem Team aufgrund der aktuellen Situation in der Ukraine verändert?

Die Menschen sind einander viel näher gekommen. Die Frage: “Wie geht es dir?” ist in der Ukraine jetzt nicht irgendein alltäglicher Gruß, sondern eine ehrliche Frage, ob es dir gut geht, ob deine Familie oder Freunde leben. Auch die Wahrnehmung von Kunst hat sich für alle sehr verändert. Gerade jetzt ist Kunst für uns ein Weg, wie wir mit der Welt über die Ukraine und über die anhaltende Tragödie dort sprechen können. Alle “allgemeinen” künstlerischen Dinge, wie Selbstinszenierung oder Selbstbeobachtung – nennen wir es “Bühnenegoismen” – verschwinden.

Habt ihr Änderungen im Stück gemacht, seit der Angriffskrieg euer Leben verändert hat?

Ja, wir haben einige Szenen geändert, besonders die letzte, wo wir ursprünglich eine Art symbolischen “Kopf des Führers” verwendet haben – einen großen Lenin-Kopf aus Karton aus den 1970er Jahren. Das Dorf Vyshetarsivka in der Südukraine, wo wir diesen Kopf gefunden und auch einen großen Teil des Videomaterials der Oper gefilmt haben, wird jetzt permanent von Russen beschossen. Auch für Wien bereiten wir ein neues Finale vor, das einen Bezug zur lokalen Geschichte haben wird. Es wird also eine “Wiener Fassung” der Oper im WUK zu sehen sein.

Wie global ist das Thema “Menschheit nach einer globalen Krise” in CHORNOBYLDORF gedacht, und gab es im Herangehen ein besonderes Interesse an der ukrainischen Kultur und deren Neufindung?

Einerseits ist das Thema absolut universell. Die Katastrophe von Chornobyl hatte direkte Folgen für ganz Europa. Jede größere Katastrophe der Zukunft, zum Beispiel eine rund um das AKW Zaporizhzhia, das um einiges größer als Chornobyl und jetzt von Russen besetzt ist, kann eine Tragödie für den ganzen Planeten sein. Auch liegt in unserer Vorstellung “Chornobyldorf” nicht in der Ukraine, nicht in Österreich, sondern an einem fließenden zentraleuropäischen Ort. Auf der anderen Seite haben wir in der Oper auch spezifisch ukrainische Materialien eingebracht, wie Volkslieder aus der Sperrzone, das ist ein Teil des ukrainischen Polyssia- Gebiets, die uns wichtig sind, der Welt zu präsentieren, um über ihre Geschichte zu sprechen.

Chornobyldorf MTTW 2022

Was denken die Menschen in der Ukraine heute über die Chornobyl- Katastrophe von 1986? Sieht man darin ein Werk russisch gesteuerter politischer Manipulation?

Schon vor 2022 haben wir die nukleare Katastrophe in Chornobyl 1986 als eines der ökologischen Verbrechen betrachtet, das dieses “Imperium Russland” auf dem Boden seiner “Kolonie Ukraine” begangen hat. Und wir sind nicht allein in dieser Situation, wir können auch über das Schrumpfen des Aralsees aufgrund totalitärer Wirtschaftspolitik sprechen, oder über mehrere ökologische Katastrophen in nördlichen Gebieten, die Russland als Quelle für Gas, Öl oder andere Produktionen nutzt, ungeachtet der Menschen vor Ort, die diese Gegenden seit Jahrhunderten bewohnen.

Reflektiert das Stück zwei unterschiedliche politische Systeme: Österreich in den 70ern, UdSSR in den 80ern?

Nicht direkt, da wir die Handlung in die Zeit des 24.-27.Jahrhunderts n.Chr. versetzt haben, weg von den politischen Debatten des 20. Jahrhunderts, aber natürlich historisch. Wenn wir zurückblicken, möchten wir zwei konkrete “Demonstrationen” nennen, die mit diesen Kernkraftgeschichten zusammenhängen: Einerseits die Anti-AKW-Protestbewegung und die Volksabstimmung zur Kernkraft im Herbst 1978 in Österreich, die die politische Lage des Staats veränderte und andererseits die staatlich organisierte Propagandafeier am 1. Mai 1986 in Kyjiw, bei der Tausende Erwachsene und Kinder durch radioaktiv verseuchte Wolken vergiftet wurden.

Was hat das Projekt CHORNOBYLDORF mit Zwentendorf in Österreich zu tun?

Eigentlich haben wir das Projekt in Zwentendorf gestartet. Die Landschaft rund um das AKW Zwentendorf, die Ähnlichkeit der Donauauen mit den kleinen Flüssen und Seen in der Sperrzone von Chornobyl und gleichzeitig eine so unterschiedliche politische Geschichte von Demokratie bzw. Totalitarismus waren eine zentrale Inspiration, um mit der Arbeit an der Oper zu beginnen. Es war uns wichtig, keine weitere Chornobyl-Dokumentation – was in den letzten Jahren vor allem in der Ukraine zum Mainstream wurde – zu entwickeln, sondern auf eine universelle künstlerische Reise zu gehen. Nicht Chornobyl und Zwentendorf selbst sind die “erweiterte Szenografie” der Oper, sondern das gesamte Donau- Dnipro-Gebiet, das zwischen diesen beiden geographischen Orten und Menschheitsgeschichten liegt.

Fotos: Valeriia Landar, Artem Galkin

CHORNOBYLDORF. Archeological Opera

Eine Dystopie, eingeholt von der brutalen Realität des Krieges

Mi. 14.9. (Eröffnung) | Do. 15.9. (Gespräch im Anschluss)
19.30 Uhr
WUK, Saal